Über Schusterjungen und Hurenkinder
- 1. März
- 3 Min. Lesezeit
Was passiert eigentlich, wenn ...

Frage: Was geschieht, nachdem ein Manuskript fertig redigiert, lektoriert und korrigiert ist?
Antwort: Es wird in den Buchsatz gebracht.
Nun denkt ihr euch vielleicht „Was ist das denn für ein Wort? Noch nie gehört!“
Hatte ich – bevor ich angefangen habe, Bücher zu schreiben und sie anschließend in Buchform zu bringen – auch nicht. Aber jeder von euch hat den Buchsatz schon gesehen und hält ihn täglich in den Händen.
Per Definition bedeutet es die professionelle, digitale Gestaltung eines Textes auf jeder Buchseite.
An und für sich klingt das gähnend langweilig und man könnte denken, dass man den Text einfach einfließen lässt und es sich hiermit getan hätte.
Aber Halt, da muss ich als Grafik-Designerin die Hand heben, und würde es den Buch-/Schriftsetzer heute noch geben, wären schon zwei Hände gen Himmel gestreckt.
Bestimmt habt ihr alle schon einmal einen längeren Text gelesen, der in zu kleiner Schriftgröße gesetzt wurde und – um dem Ganzen noch einen draufzusetzen – zusätzlich in einer schlecht lesbaren Schrift mit ganz wenig Durchschuss, also Zeilenabstand.
Das ist dann der Moment, in dem man das Buch entweder erschöpft zur Seite legt oder aber, wenn es ein richtig guter Schinken ist, man sich in jungen Jahren bereits eine Lesebrille anschafft und sich dann tapfer bis zum Ende durchkämpft.
Ein guter Buchsatz beinhaltet daher eine angenehm lesbare Schrift in der richtigen Größe und mit dem passenden Zeilenabstand, denn ich möchte weder das Gefühl haben, ein Kinderbuch zu lesen, noch die Bibel in der Hand zu halten. Hinzu kommt ein proportional passender Satzspiegel, der die Seitenränder definiert. Hiermit halten wir also fest, dass es unter anderem an einem definierten Buchsatz liegt, dass sich ein Buch gut liest.
Aha. Haben wir wieder etwas gelernt.
Aber was hat es dann mit Schusterjungen und Hurenkindern auf sich? Hört sich wenig typografisch an, oder? Ist es aber.
Ein Schusterjunge ist die erste Zeile eines Absatzes, die einsam am Seitenende steht und somit unschön aussieht. Und ein Hurenkind ist die letzte Zeile eines Absatzes, die einzeln auf der nächsten Seite beginnt. Beides sollte, wenn möglich, vermieden werden. Sie sind typografische No-gos, wobei dem Schusterjungen noch eher vergeben wird.
Ich bekenne mich hiermit schuldig: Ich kann diese Vorgaben nicht immer einhalten, obwohl sie mich optisch stören. Das liegt daran, dass ich versuche, so wenig wie möglich Seiten zu verschwenden, da jede einzelne mich – und somit auch den Leser – kostet. Da versuche ich schon, dass ein Kapitelende mindestens zur Hälfte die Seite füllt und nicht nur zwei Zeilen darauf platziert sind.
Ein weiteres, nicht immer alleine in den Griff zu bekommendes Problem ist die automatische Silbentrennung, die eben nicht immer korrekt trennt.
Kirchenglocken werden gerne zu Kircheng- locken oder Altersunterschied zu Alter- sunterschied. Das bedeutet für mich, bestenfalls jede einzelne Trennung zu überprüfen, sobald der Text im Buchsatz eingeflossen ist.
Ach, und zum Einfließen habe ich auch noch eine Anekdote: Seit einem Programm-Update liest mein Programm entweder nur kursiv gestellte Texte oder normal gestellte. Keinesfalls beide. Leider habe ich den Fehler noch nicht beheben können, somit muss ich den Text zuerst in ein anderes Programm kopieren und dann händisch einlaufen lassen. Cheers! Das bringt Laune.
Ich hoffe, bis zum nächsten Teil den Fehler finden und beheben zu können.
Übrigens habe auch ich heute etwas Neues gelernt: Der Schusterjunge wurde mittlerweile in Waisenkind getauft und das Hurenkind in Witwe. Meiner Meinung nach die passendere Bezeichnung: Beide stehen alleine.
Ich kann nur nicht garantieren, dass ich mich morgen an die neuen Namen noch erinnere.
